Vom 13. bis zum 19. Juni ging’s für mich auf gut 1.000 Kilometern einmal rund um Schleswig-Holstein. Wie schön kann ein Event sein? Hackepedder: ja.
Der Hackenpedder ist jetzt knapp 2 Wochen her und so langsam verarbeite ich alles, was dort passiert ist… Deshalb hier mal der Versuch eines kleinen Erfahrungsberichts der Tour.
Inhalt
First things first: Was ist der Hackenpedder?
Das Hackenpedder-Event an sich ist ein self-supported Gravel-Event, bei dem man entweder auf 660 oder 1.000 Kilometern durch Schleswig-Holstein düst. Es ist kein Rennen, Einsteiger*innen-freundlich und von einer großartigen Community geprägt. Daneben bietet Organisator Nils auch noch das Event Shelter-Attack in Dänemark, gemeinsame Overnighter im Norden und versucht so, die Community ein Stück weiter zusammenzubringen. Dabei ist freigestellt, ob man das Ding als Ultra oder als Bikepacking-Trip angeht. Es geht nicht um die Performance, sondern um Spaß, Natur und natürlich lange Tage im Sattel. Mehr über den Hackenpedder gibt’s hier: hackenpedder-bikepacking.de
Warum habe ich mich angemeldet?
Nach dem Tuscany Trail, der mir persönlich ein bisschen zu groß war, habe ich nach kleineren, cozy Events gesucht. Idealerweise in Deutschland, kein Rennen und viele, viele Kilometer. Der Hackenpedder hat sich also komplett dafür angeboten. Ein Teilnehmer*innenfeld von irgendwas um die 180 Personen (154 sind gestartet), ein Bundesland, das ich nur vom Durchfahren im Auto kannte, ein Event, das so liebevoll beschrieben ist… ich konnte nicht anders! Weil ich relativ spät mit der Anmeldung war, war ich umso glücklicher, dass die Hälfte der Startplätze für FLINTA*-Personen reserviert ist, um so eine ausgeglichene Geschlechter-Verteilung hinzubekommen (die war beim Tuscany Trail zum Beispiel komplett egal). Ich mag das Konzept, dass die Stargebühr auf Vertrauens- und Spendenbasis mit 2% des Radneupreises gestaltet ist. Ich mochte die Erfahrungsberichte von anderen Teilnehmer*innen, die gezeigt haben, dass hier eine Veranstaltung mit ganz viel Leidenschaft und Liebe organisiert und durchgeführt wird. Das alles, vor allem in Summe, hat ich überzeugt. Es war noch besser als erwartet! Dazu dann in den nächsten Abschnitten mehr.
Mein Start war… holprig.
Naja, es war nicht der richtige Start, sondern der Tag davor. Ich war schon Donnerstags aus Frankfurt angereist, um den Freitag zur Akklimatisierung zu nutzen und um mich mit meiner Freundin Annka zu treffen. Ich hatte mir einen hübschen Campingplatz rausgesucht, von dem aus ich mit Rad und Fähre in die Kieler Innenstadt fahren konnte. Theoretisch super, praktisch ist mir 10 Meter hinter dem Campingplatz-Tor die Kette gerissen. Traumhaft! Es war nämlich nicht so, als hätte ich die nicht nigelnagelneu erst einen Tag vorher auf’s Rad gezogen. Also gut, zur Fähre geschoben, einen tollen Nachmittag mit Annka verbracht und dann ging es für mich schon recht früh Richtung Warm-Up-Event am Velocenter, wo ich mich noch um eine neue Kette kümmern wollte. Nach einem fröhlichen „Na, der frühe Vogel fängt den Wurm?“ – „Nee, der frühe Vogel ist ohne Kette unterwegs“ wurde mir hier super geholfen und auch noch festgestellt, dass mein Schaltwerk komplett verbogen war. Super Voraussetzungen, wenn man am nächsten Tag so eine Tour starten möchte, aber mir wurde super geholfen und das Rad fuhr wieder.
Weil ich ja nun wirklich ein sehr früher Vogel war, habe ich die Gelegenheit direkt genutzt, um mich nebenan im Supermarkt nochmal mit Snacks auszustatten und dem Team beim Aufbau zu helfen. So konnte ich dann auch meine ersten Fahrradständer zusammenschrauben und wurde sehr lieb aufgenommen, wodurch meine Nervosität ganz gut legen konnte. Nach und nach trudelten dann andere Fahrer*innen ein, unter anderem Isy, mit der ich gleich eine gute Connection hatte und die später noch eine Rolle spielen wird.
Nach diesem tollen, geselligen Warm-Up bin ich mit zwei anderen Teilnehmer*innen zurück zum Campingplatz gefahren und der holprige Start war schnell vergessen.
Der echte Start: mega!
Am Samstag ging es dann so richtig los. Nach ewiger Parkplatz-Suche für den Van war ich endlich am Velo-Center und habe zum ersten Mal all die Menschen gesehen, die sich auch auf die Route werfen sollten. Es war großartig, so viele Setups zu sehen, viele schon bekannte Gesichter vom Vorabend und überhaupt! Wie wholesome kann so ein Start eigentlich sein? Nach dem Briefing durch Nils ging es dann um 10:00 Uhr endlich los. Ausfahrt zwischen Jubel, Bengalos und dem fahneschwenkenden Nils raus nach Kiel und dann raus nach Schleswig-Holstein. In den ersten Kilometern war die Gruppe noch recht eng beisammen, was das Erlebnis noch intensiver gemacht hat. Es hat sich angefühlt, als wären wir eine große Fahrrad-Gang. Das zog sich dann außerhalb der Stadt relativ schnell auseinander und es waren eher kleinere Grüppchen und Solo-Fahrer*innen unterwegs. Hier hat sich für mich dann auch schon das Feld mit ähnlichen Geschwindigkeiten abgezeichnet und damit auch einige Personen, die ich in den nächsten Tagen immer wieder treffen sollte.
Die Strecke wurde schnell anspruchsvoll und hat mir gezeigt, was man hier im Norden unter Gravel versteht: Wald, Wurzeln, Matsch, Wiesen, Schotter… alles. Aber auch immer wieder Asphalt in den richtigen Momenten. Beim ersten knackigen Anstieg gab’s die erste Trail-Magic. Ich bin komplett begeistert, wie lieb auch die Leute drumherum sind, dass sie einfach für die Hackenpedders Getränke und Snacks an den Wegesrand stellen. Gab’s in der Toskana auch nicht, just saying.
Bei einem knackigen Anstieg in kniehoher Wiese mit Kühen am Rand, die sich wahrscheinlich auch gefragt haben, was hier gerade passiert, tauchte auf einmal Isy hinter mir auf. Wir sind dann die nächsten Kilometer inkl. ein bisschen technischer Abschnitte gemeinsam gefahren, haben unsere Räder durch eine matschige Kuhle getragen, aber irgendwann zog uns das unterschiedliche Tempo wieder auseinander. Also ging’s erstmal wieder allein weiter zur Steilküste an der Ostsee. Ein Traum! Wie schön kann es sein? Obwohl die Strecke ein bisschen anspruchsvoller war, habe ich diesen Abschnitt sehr genossen. Ich war an der Ostsee! Mit dem Fahrrad! Hä?!
Irgendwann kam die erste Bäckerei wie eine Oase in der Wüste. Energie tanken! Hier habe ich Isy und ein paar andere wiedergetroffen und wir haben über den letzten Abschnitt geschnackt. Komplette Begeisterung. Nach Kaffee, zwei Käse-Laugenstangen und mit zwei Schoko-Croissants in der Snack-Pouch ging es weiter Richtung Bungsberg, dem höchsten Punkt der Route und der ersten Stempelstation. Hier wurde mir ganz schnell klar, dass es komplett unangebracht war, die Höhenmeter der Tour zu belächeln (ich bin sonst schließlich im Taunus unterwegs!!1!!11): der Bungsberg mit seinen 250 Metern oder so hat mich fertig gemacht! Den Anstieg durch die Wiese musste ich schieben. Oben angekommen war’s dann aber schnell wieder okay, der Stempel hat Dopamin ausgeschüttet und die Abfahrt hat sehr viel Spaß gemacht. Auf zum nächsten Ziel: Eutin. Dort bin ich dann auch gegen 20:00 Uhr eingerollt und habe bei einer Dönerbude Isy wiedergetroffen. Dieses Mal gemeinsam mit Ebbe und Dennis. Gemeinsam sind wir dort auf die Suche nach einem Schlafplatz gestartet, was sich irgendwie ein bisschen schwieriger als gedacht herausgestellt hat. Fast Forward 50 Kilometer haben wir dann einen Platz gefunden. Wir sind zu dritt (Isy, Ebbe & ich) über Stock und Stein und durch Moor in die Nacht gefahren, bis wir endlich einen Trekkingplatz gefunden haben, wo wir übernachten wollten. Es war ziemlich cool.
An diesem Tag bin ich 173 Kilometer gefahren. 1.700 Höhenmeter. Ich saß 11:50 Stunden im Sattel und war insgesamt 15:22 Stunden unterwegs.








Die erste Nacht im Biwak und Tag 2
Ich sag mal so… man testet neue Ausrüstung nicht auf der richtigen Ausfahrt. Außer man ist ich und kauft sich kurzentschlossen noch einen Biwaksack, weil man keinen Bock hat, die Frontrolle ans Rad zu packen, weil das Zelt sonst nicht mehr passt. Immerhin: der Biwaksack war dicht! Aber von vorne.
Am Trekkingplatz war schon klar, dass es bald anfangen sollte, zu regnen. Glücklicherweise hatte Ebbe eine Plane dabei, die er provisorisch in einen Quittenbaum hängen konnte. Ich durfte mit drunter 👌 Zum Glück! Kurz drauf kam wirklich der erste dicke Schauer und das hat sich dann auch über die nächsten Stunden so gezogen. Ich habe mir schnell den kompletten Biwaksack über den Kopf gezogen und lag dort wie im Leichensack. Immerhin trocken und ich konnte ein wenig schlafen. Gegen 4:00 Uhr morgens musste ich dann kurz pinkeln, habe die aufgehende Sonne gesehen und beschlossen, mein Nachtlager von der Plane auf die andere Seite des Bäumchens zu verlegen, einfach, damit wir beide mehr Platz haben und nochmal ein paar Stündchen besser schlafen können. Naja. Es fing schnell wieder an zu regnen, ich lag wieder komplett im Biwaksack und wurde zum Glück wieder nicht nass. Die Nacht hat geschlaucht.
Morgens sind wir dann wieder zu Dritt losgefahren und haben die ersten paar Kilometer gemeinsam gewuppt. Bei mir war leider ein bisschen der Wurm drin. Mein neues Kettenschloss lief nicht rund (es hat sich einfach nicht an die Rundung der Schaltröllchen angepasst und lief starr mit den beiden Kettengliedern daneben durch), was bei mir wieder die Angst ausgelöst hat, mir könnte die Kette reißen. Immerhin war das nicht in allen Gängen, ich konnte aber auch nur 4 Gänge richtig nutzen, was die Fahrt ein wenig erschwert hat. Irgendwann habe ich den anderen beiden gesagt, sie sollten einfach ohne mich weiterfahren, wir würden uns schon wieder über den Weg laufen. Das passierte dann auch schneller als erwartet am Holstentor in Lübeck, dem ersten Foto-Point. Hier waren wir dann ausgiebig frühstücken und sind weitergefahren. Gleiches Problem, gleiche Lösung: fahrt ohne mich. Ich bin dann langsam und mühsam über alle möglichen Untergründe gefahren und habe trotz knackendem Kettenschloss und der kleinen Panik, das Ding könnte reißen, nicht den Spaß verloren und die Tour einfach genossen.
Irgendwann bin ich dann an Checkpoint 1 angekommen. Und weil man sich immer wieder über den Weg läuft, waren Isy und Ebbe auch hier. Nur halt schon ein bisschen länger als ich, weshalb sie früher wieder losgefahren sind. Ich habe hier mein Kettenproblem angesprochen und kurzerhand eine neue Kette bekommen. Danke ans Velo-Center für den Werkstatt-Service am Checkpoint! Ohne die neue Kette hätte ich wahrscheinlich früher oder später abgebrochen. So konnte es locker weitergehen! An diesem Tag allerdings auch nur noch bis Zarrentin, wo ich mir eine Unterkunft genommen habe. Schlechter Schlaf, Ketten-Stress, nicht in den Flow kommen haben ihre Spuren hinterlassen. Mir waren eine gute Nacht und eine heiße Dusche an diesem Tag wichtiger als viele Kilometer. Dafür hatte ich ja auch noch ein paar Tage.
An diesem Tag bin ich 80,6 Kilometer mit 429 Höhenmetern in 4:58 Stunden gefahren. Unterwegs war ich 7:37 Stunden.






Nach 10 Stunden Schlaf ein neuer Mensch (Tag 3)
Es ist immer wieder unbegreiflich, was guter Schlaf ausmachen kann! Am Morgen von Tag 3 war ich quasi neugeboren. Es konnte weitergehen! Erstmal den nächsten Supermarkt plündern. Mein Abendessen bestand nämlich aus den letzten Snacks, die ich noch hatte. Mit vollen Taschen ging es in Richtung ehemaliger innerdeutschen Grenze. Vielleicht einer meiner liebsten Abschnitte auf der Tour (wahrscheinlich schreibe ich diesen Satz noch häufiger).
Der ehemalige Grenzstreifen ist wild. Heide, Waldwege, Sand, Schotter, alles dabei. Und als wäre der Ort an sich nicht schon geschichtsträchtig genug, liegen auf der Strecke noch das kleine Grenzmuseum Leisterförde, in dem sämtliche Abwehr-Einrichtungen der damaligen Grenze gezeigt werden, sondern auch noch die Gedenkstätte für Michael Gartenschläger. Mich hatte das Museum schon so fertig gemacht (Wie absurd sind Grenzen? Wie hart wollte man verhindern, dass Menschen aus der DDR flüchten? Was zur Hölle?), dass hier sogar ein paar Tränen flossen, bin ich nicht zur Gedenkstätte, sondern direkt weiter. Ich glaube, das wäre mir zu heftig geworden. Schließlich wurde man ja eh schon durch den Weg daran erinnert, wo man hier gerade unterwegs ist und dass das nicht immer selbstverständlich war. Ich werd schon wieder emotional, wenn ich dran denke, wie bescheuert das alles war. Eine schöne Sache auf diesem Abschnitt (außer der Natur, die war wunderschön), war dass ich hier immer wieder Jan getroffen habe. Wir haben uns immer wieder gegenseitig überholt und immer wieder kurz geschnackt.
Mein nächstes Etappenziel war Kilometer 300: Boizenburg. Hier war ich so im Flow, dass ich weiter gefahren bin und erst in Lauenburg an der Elbe an einem Imbiss gestoppt habe. Die ersten (und einzigen…) Pommes der Tour habe ich mit Elb-Blick genossen. Hier kam Jan dann auch angedüst und hat sich zur Pause niedergelassen. Wir haben uns nochmal kurz unterhalten und dann ging es für mich auch schon weiter. Mein Tagesziel war Checkpoint 2 in ca. 94 Kilometern. Ambitioniert, ja. Möglich… auch ja.
Es ging also weiter. Erstmal Richtung Sachsenwald, von dessen Wildschwein-Geschichten ich schon viel gehört hatte, aber es war tags, kein Grund zur Sorge. Hier war es auch mega schön. Ich weiß nicht warum, aber so große Wälder hatte ich in SH nicht erwartet… Direkt hinter dem Wald dann der erste Platten. Wunderbar! Ich bin im nächsten Dorf bis zu einer Bushaltestelle gefahren und habe dort angefangen, das Rad auszubauen. In diesem Moment kamen zwei Jungs auf ihren Gokarts angefahren und haben mir ihre Hilfe angeboten. Lieb! Kurz darauf hielt dann auch der Linienbus, dessen Fahrer mich dann auch gefragt hatte, ob ich Hilfe benötige. Er könne zwar nicht helfen, würde mich aber umsonst mit in den nächsten größeren Ort nehmen. Auch lieb! Ich habe beides dankend abgelehnt und meinen Reifen auseinander genommen. Auch hier: testen wir neue Dinge unterwegs? Mein Ersatzschlauch war nicht mit meiner Luftpumpe kompatibel. Also: Loch gesucht, Loch gefunden, Loch geflickt. Meine Luftpumpe konnte auch nicht den Druck aufpumpen, den ich wollte, also bin ich die nächsten Kilometer mit einem bisschen flatschigen Reifen gefahren. Egal.
Nach 20 Kilometern Flatsche-Reifen bin ich in Ahrensburg angekommen und habe eine Tankstelle gefunden, wo ich dem Reifen wieder ordentlich Druck verleihen konnte. Schnell noch am Schloss ein Foto geschossen (Foto-Point) ging es weiter Richtung CP2, der halt auch noch über 30 Kilometer entfernt lag. Mittlerweile war es 20:30 Uhr, aber es war ja noch lange hell. In Sülfeld habe ich kurz an Jan gedacht, der hier auf einer Wiese hinterm Edeka schlafen wollte und ich habe auch kurz überlegt. Leider war meine Snack-Situation nicht mehr die beste, deshalb war die warme Mahlzeit am Checkpoint dann doch attraktiver. Die nächsten Kilometer ging es entspannt über Landstraßen. Einfach entspanntes Rollen.
Aber es wäre nicht der Hackenpedder, wenn nicht noch eine kleine Schikane käme. Es wurde immer dunkler, als mein Garmin plötzlich „hier abbiegen“ gemeldet hat. An einem Feld. Es ging nämlich nochmal kurz am Feldrand entlang und dann in einen Wald. Und dort nicht auf einen entspannten Waldweg, sondern auf einen wurzeligen, steilen, nervigen Wanderweg. Ich habe eine kleine Paranoia gegenüber Wildschweinen entwickelt und hier die ganze Zeit gerufen, geklingelt und laute Selbstgespräche geführt. Zum Glück war’s nicht allzu lang.
Als ich irgendwann nach 23:00 Uhr am Checkpoint ankam, wurde ich super nett empfangen. Es gab warmes Essen, Getränke, Süßigkeiten und ein großes Zelt ganz für mich. Das Tagesziel, von dem ich nicht wusste, wie sehr ich es mir gewünscht hatte.
Dieser Tag hatte 154,9 Kilometer mit 1.000 Höhenmetern. Ich saß 9:37 Stunden im Sattel und war insgesamt 15:36 Stunden unterwegs.











Deich, Schafe, Trailmagic (Tag 4)
Tag 4 begann damit, dass ich im Zelt am CP2 so gefroren habe, dass ich mein Schlaf-Setup zusammengepackt und im Gebäude des Zeltplatzes neu aufgeschlagen habe. Bevor ich friere und deshalb nicht schlafe, schlafe ich lieber im Flur auf dem Boden. Und das habe ich dann sehr gut, selbst als morgens schon Bewegung im Gebäude war. Ich bin recht spät aufgestanden und habe mich dann langsam fertig gemacht, sodass ich die meisten anderen Fahrer*innen, die auch hier übernachtet haben, verpasst habe.
Beim Frühstück kam Jan am Checkpoint an. Er hatte tatsächlich beim Edeka geschlafen, hatte aber auch nur eine sehr kurze Nacht. Auch an Tag 4 sollten wir uns immer wieder überholen. Nach einem kleinen Fahrrad-Check ging’s dann für mich auch irgendwann (gegen 11:00 Uhr oder so…) zurück auf’s Rad. Irgendwie konnte ich mich nicht losreißen, der CP war so cozy. Aber nützt ja nichts. Auf Richtung Segeberger Forst!
Hier habe ich irgendwann kurz überlegt, ob ich meine Aerobars während der Fahrt als Kissen nutzen könnte, habe die Idee dann aber auch schnell wieder verworfen. So erholsam war die Nacht dann auch doch nicht. Dafür war die Strecke wieder total schön und hat Spaß gemacht. Selbst die Binnendüne Nordoe und der Breitenburger Kanal, 4.5 Kilometer gerade durch’s kniehohe oder höheres Gras. Aber irgendwann, irgendwann steht man am Deich und da wird’s richtig schön!
Rechts und links Schafe, auf einer Seite das Wasser, leichter Gegenwind… was will man mehr? So ging es über einige Kilometer entlang der Elbe bis nach Kudensee, wo ich mit dem Fährruf erstmal komplett überfordert war. Ich wusste nicht, dass es reicht, einfach nur zu klingeln. Ich dachte, man müsse auch reden und habe dann einfach losgeplappert. Keine Ahnung, ob am anderen Ende jemand zugehört hat und den Spaß des Tages hatte. Neben einem Trecker und einem Auto fuhr noch jemand mit mir auf die Fähre: Jan! Wir haben uns kurz über die nächsten Schlafoptionen unterhalten (Wildes SH in Kuden, ein Campingplatz abseits der Route in St. Michaelisdonn) und eigentlich beide beschlossen, dass der Campingplatz mit warmer Dusche attraktiver klingt. Auf der anderen Seite der Fähre wollte ich noch kurz die Website vom Platz abchecken, Jan ist schonmal losgefahren. Und da stand es plötzlich: „wir bieten 5 Einzelzimmer im Bike-Hostel“. JACKPOT! Ich habe sofort angerufen und gebucht.
Das musste ich Jan erzählen! Beine in die Hand genommen, rein in die Pedale und im Eiltempo durch Feld, Wiese und Schotterwege! Kurz vor Kuden hatte ich ihn eingeholt und die frohe Botschaft überbracht. Während er sich um seine Buchung kümmerte, habe ich den letzten sandigen Anstieg des Tages in Angriff genommen und sehr viel geflucht. Sand bergauf zermürbt anders als flacher Sand. Oben angekommen dann die Überraschung: Trail Magic. Es gab Melone, Couscous-Salat, Milchreis, kleine Salzbrezeln und Weingummi. Ich habe über’s komplette Gesicht gestrahlt. Das war genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte. Jan hatte den Anstieg inzwischen auch bezwungen und sich an der Verpflegung eingedeckt, für uns ging’s dann die letzten Kilometer gemeinsam Richtung Campingplatz.
Hier wurde uns erstmal jeweils ein Bier spendiert, wir haben Pizza aus dem Dorf liefern lassen, mit dem Betreiber Walter und anderen Hackenpedders zusammengesessen und den Abend ausklingen lassen. Ich habe noch ein bisschen länger gesessen und mich mit Walter unterhalten, bis er dann einen Kanister Schnaps rausgeholt hat. Challenge accepted, aber nach 2 Pinnchen bin ich dann doch ins Bett gegangen und habe sehr, sehr gut geschlafen.
An diesem Tag bin ich 114,5 Kilometer mit 429 Höhenmetern geradelt, saß 7 Stunden im Sattel und war 10,5 Stunden unterwegs.











„Stell dein Fahrrad ruhig vor meins, du willst ja früh los und die 1.000 schaffen!“ (Tag 5)
Das hat mir Jan beim Parken unserer Fahrräder am Vorabend gesagt und ich habe mein Wort gehalten. Abreise war um 6:48 Uhr, das erste Tagesziel war Albersdorf, wo sich die Hackenpedder-Route teilt. Hier wollte ich dann auch entscheiden, ob ich die lange oder die kurze Strecke fahre.
Es lief. Es lief so gut. Die 30 Kilometer bis Albersdorf vergingen wie im Flug. Ich war recht früh dort und habe mich erstmal beim Supermarkt eingedeckt, bin dann aber auch ohne größere Pause weitergefahren. Das Ziel: die 1.000 Kilometer schaffen (nicht an diesem Tag). Weiter ging’s Richtung nächstem Stempel bei Böttcher’s. Es lief weiterhin sehr gut.
Bei Böttcher’s habe ich dann Audrey getroffen, die ich auch an den Tagen vorher schon ein paar Mal und auch im Dot-Watching gesehen hatte. Gemeinsam haben wir uns über die Getränke gefreut, gemeinsam Mittagspause gemacht und eine Kleinigkeit gegessen. Dann kam die Frage, ob wir die nächsten Kilometer zusammenfahren wollten. Na klar! Ich habe noch kurz meine Kette nachölen lassen und dann ging es auch schon weiter.
Aus den „nächsten paar Kilometern“ wurden übrigens alle Kilometer bis ins Ziel. Ich hätte mir keinen besseren Zufall vorstellen können und denke, dass die Fahrt mit Audrey ein ausschlaggebender Faktor war, dass ich es bis ins Ziel geschafft habe. Weiter ging’s zur Westküste und damit an die Nordsee. Wundersamerweise hatten wir sehr viel Rückenwind, die Kilometer sind einfach dahin geschmolzen. Ein Eis- und Waffel-Stop in Husum hat die Energiespeicher wieder gefüllt, es ging durch den wunderschönen Ort Friedrichsstadt mit viel Kopfsteinpflaster und schnuckeligen Häusern, sodass man fast denkt, man wäre schon in Dänemark. Anschließend den sandigen Ochsenweg im Nieselregen (mehr geschoben als gefahren) und dem Tagesabschluss in der Camping Oase bei Udo.
Was für ein skurriler Ort! Egal, wo man hinschaut, entdeckt man etwas neues wie den Hühnerstall „Udo’s Piep-Show“ oder das Telefon für Selbstgespräche. Dazu ist Udo auch noch ein guter Typ mit Herz am rechten Fleck, auch wenn wir nicht in allen Themen übereinstimmten. Zum krönenden Abschluss haben Audrey und ich uns übrigens noch eine Waschmaschine gegönnt und all unsere Radklamotten durchgewaschen, bevor es auf den ausgebauten Dachboden aka. die Jugendherberge, ins Bett ging.
An diesem Tag bin ich meine bis dato längste Distanz mit 178,6 Kilometern und 712 Höhenmetern gefahren. Das alles in 9:55 Stunden Bewegungszeit, 15:07 Stunden Unterwegs-Zeit.








Tagestrip nach Dänemark! (Tag 6)
Nur vier Kilometer nördlich von der Camping Oase liegt ganz unspektakulär der Grenzübergang nach Dänemark. Das erste Tagesziel war schnell erreicht! Von hier aus hieß es dann: auf zum nächsten Supermarkt, der 20 Kilometer weiter lag. Bis dorthin erwarteten uns schöne Straßen, ein bisschen Schotter, aber keine nennenswerten Schikanen außer vielleicht, dass wir den Abzweig zum not so amused Bauern verballert hatten, über den schon in der Hackenpedder-Whatsapp Gruppe „gewarnt“ wurde. Er fand es nicht so toll, dass die Strecke durch seine Felder führte und man solle doch bitte die Straße außenrum nehmen. Wie gesagt, wir hatten es verballert und waren dann ganz überrascht, am Feld plötzlich die Stimme vom Bauern zu hören, obwohl niemand weit und breit zu sehen war. Hier stand eine kleine Sprechanlage. Komplett crazy. Auf jeden Fall sind wir umgedreht und die Straße gefahren bis wir dann endlich am Supermarkt waren.
Kurz vorm Hungerast war der Supermarkt das Paradies! Und vielleicht ein bisschen überfordernd und aufregend, weil die Produkte ja anders waren als die in Deutschland. Wir haben hier wahrscheinlich mehr Zeit als geplant verbracht und uns ausgiebig an der Süßigkeiten-Bar bedient, bevor wir auf dem Parkplatz ein kleines Picknick veranstaltet haben. Kartoffelsalat, Brötchen, Lachs, Skyr, Smoothies, Obst, diverse Quetschies… mit Hunger einkaufen ist auch in Dänemark eine super Idee!
Gesättigt und motiviert, was Dänemark so zu bieten hat, ging es für uns Richtung Checkpoint 3 bei Kilometer 754, wo wir auch wieder herzlich empfangen wurden. Kurze Pause, kurze Gespräche und dann ging es für uns wieder zurück Richtung Deutschland. Schnell noch ein Foto am Grenzpunkt gemacht (wieder ein Foto-Point) und ab durch Flensburg. Nach so viel Ruhe, Natur und kleinen Örtchen hat mich die Stadt und vor allem der Stadt-Verkehr, wenn auch fahrradfreundlich, richtig genervt. Ich war froh, als wir wieder raus waren und wieder Wald und Natur auf dem Plan standen.
Nach einer Pause an einer Ochsen-Weide mit Blick auf die neugierigen Tiere kamen wir irgendwann an die Schlei. Von der Schlei hatte mir irgendwann schonmal eine Freundin vorgeschwärmt, ich kann komplett verstehen, warum. Hier ist es so schön. Am Wasser entlang ging es erstmal bis Kappeln, wo wir nach ca. 100 Tageskilometern jeweils eine große Portion Nudeln gegessen haben und dabei beschlossen, dass wir in die Nacht hineinfahren wollen. Mal gucken, wie lange. Erstmal ging es im Sonnenuntergang mit Bonbon-Himmel entspannt weiter am Wasser entlang, bis dann mit der Dunkelheit plötzlich die Wurzeltrails anfingen. Fun, Fun, Fun! es war inzwischen schon gegen Mitternacht, wir haben die Räder meist über die Wurzeln geschoben, an einer Seite ging es steil bergab Richtung Wasser. Auf jeden Fall eine Erfahrung.
Als wir irgendwann mal wieder in ein Dorf kamen stand die Entscheidung an: entweder weiter durch den Wald, wo wir nicht wussten, was uns erwartet, oder über die Landstraße bis Fleckeby fahren. Ohne großes Überlegen haben wir die Landstraße gewählt. In Fleckeby angekommen (es war inzwischen an die halb 2 Nachts) haben wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz gemacht und ein tolles, großes Vordach ein bisschen abseits gefunden.
Damit wir im Falle des Falles schnell los konnten, haben wir die Räder extra schon so gut wie ready gepackt, trotzdem kam noch ein kleiner Schock auf uns zu. Ein Auto, das gegenüber auf der Straße angehalten hat. Wir haben erstmal die Lampen ausgemacht, damit wir nicht gesehen werden (natürlich wurden wir gesehen). Das Auto kam dann auch zu dem Gebäude, wo wir waren, der Typ stieg aus und… hat einfach nur Zeitungen ausgetragen. Wir waren ihm komplett egal.
Der Tag hatte 148,4 Kilometer mit 902 Höhenmetern. Im Sattel: 8:24 Stunden, unterwegs: 14:53 Stunden.









Krass, wir sind wieder in Kiel
Um 5:30 Uhr ging der Wecker, wir haben uns also aus den Schlafsäcken gepellt und die Räder fertig gemacht, denn um Punkt 6:00 Uhr kamen die Angestellten vom Kindergarten nebenan. Mit einem freundlichen, leicht entschuldigenden „Moin“ haben wir bei ihnen eher für gute Laune gesorgt als für Irritation. Zurück ins Bikepacking-Leben: Bäckerei, Supermarkt, frisch machen auf dem Tankstellen-Klo und dann ab in den Sattel. Heute stand der Weg zurück nach Kiel auf dem Plan.
Weil wir beide nicht wussten, was uns auf dem ersten Abschnitt im Wald erwartet (wir vielleicht auch noch etwas traumatisiert vom Vorabend waren) und mein Knie geschmerzt hat, sind wir die ersten Kilometer außenrum über eine Landstraße gefahren. Das war für mich das erste Mal, dass es echt keinen Spaß gemacht hat. Der Radweg war ruppelig, die Straße super ätzend. Also dann doch bei nächster Gelegenheit zurück auf die Route und ab in den Wald. Es wurd wieder schöner. Vom Untergrund war bis zum Sand wieder alles dabei, landschaftlich war es auch wieder mega schön.
Mittags haben wir uns ein Schälchen Erdbeeren und einen Café Stop gegönnt, danach unsere Kappen erstmal im örtlichen Brunnen getränkt, weil es immer heißer wurde. Irgendwann ging es dann in der Sonne durch Felder und über kleinere Landstraßen, was mich komplett fertig gemacht hat. Ich habe recht viele Trinkpausen eingelegt, sehr viel gegessen und hatte ehrlich gesagt keine Lust mehr, in Hitze und Sonne zu fahren. Zum Glück kam dann eine Tankstelle, wo ich in Rekordgeschwindigkeit alle Süßgetränke in mich geschüttet habe, die ich kriegen konnte. Danach ging’s auch wieder mit der Laune.
Und dann kamen wir auch wieder an den Nord-Ostsee-Kanal. Hier ging es 10 Kilometer immer am Wasser entlang, bis wir mit der Fähre auf die andere Seite übersetzt haben. Ab jetzt hatten wir nur noch 80 Kilometer bis zum Ziel. Komplett wildes Gefühl. Aber auch diese 80 Kilometer hatten es nochmal in sich. Genauer gesagt hatten sie den Boxberg und damit auch den letzten Foto-Point in sich. Nochmal ein schöner Anstieg zum Schieben. Aber wie immer: die Abfahrt fetzt. Mit dem Boxberg war dann auch das letzte Ziel unterwegs erreicht. Jetzt mussten wir nur noch nach Kiel fahren und waren mit dem Hackenpedder fertig.
Naja, nur noch nach Kiel fahren hatte auch nochmal alles in Petto, was die Hackenpedder-Route ausmacht (außer Sand! glücklicherweise!): sweete Dörfer, Kopfsteinpflaster, Feld- und Waldwege, Schotter, Anstiege… Die letzten 50 Kilometer haben sich nochmal richtig gezogen. Vor allem, weil wir schon so nah an Kiel waren! Selbst als wir das erste Ortsschild passiert haben, waren es noch an die 10 Kilometer, glaube ich.
Und weil unser Ziel uhrzeitbedingt nicht die Alte Mu war, sondern die Lille Brauerei, haben unsere Navis nochmal komplett verrückt gespielt. Wir sind ein bisschen durch die Stadt geirrt, haben versucht, mit Google Maps zu navigieren und in der Hackenpedder Whatsapp-Gruppe ging es rund. Irgendwann hat Jan mich dann angerufen und gesagt, wir müssten einfach nur in die andere Richtung fahren. Am Freitag, den 19. Juni 2026 sind Audrey und ich um 21:05 Uhr gemeinsam ins Ziel gerollt. Schön war’s!
Der Empfang war auch allerliebst mit Jubeln, Klatschen und ganz vielen bekannten Gesichtern. Die erste Person, die mich im Ziel umarmt hat, war Isy. Und dann Jan.
Nach einer großen Pizza und langem Zusammensitzen habe ich mein Rad bei Lille stehen gelassen, den Van geholt und stilecht auf dem Aldi Parkplatz um die Ecke versucht, zu schlafen, was durch die vielen Eindrücke und das Gefühl, endlich im Ziel zu sein, echt schwer war.
Distanz am letzten Tag: 140 Kilometer mit 751 Höhenmetern. Zeit im Sattel waren 8:19 Stunden, unterwegs 13:29 Stunden.
Insgesamt habe ich 7 Tage, 11 Stunden und 5 Minuten für den 1.000 km Hackenpedder gebraucht.
Hackenpedder 2026, es war mir eine große Freude! Ich würd’s nochmal machen.










Schreibe einen Kommentar